Gleichstellung in Glinde – Interview mit Kerstin Schoneboom

Am 11.02.2021 habe ich mit Kerstin Schoneboom, der Gleichstellungsbeauftragten von Glinde, ein Interview geführt. Darin berichtet sie unter anderem über ihre Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte, geplante Projekte und den Einfluss der Corona-Pandemie auf die Geschlechterrollenverteilung. Zum Ende des Gespräches hatte sie noch eine wichtige Botschaft an alle Schüler:innen: Augen auf bei der Berufswahl!

Am 01.10.2020 unterzeichnete der Bürgermeister von Glinde (Rainhard Zug) die Charta für Gleichstellung. Hat sich diesbezüglich schon etwas getan bzw. wird zurzeit an etwas gearbeitet, wenn ja, was?

Die Konsequenz aus der Zeichnung der Europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene ist, dass kommunales Gleichstellungshandeln fortan durch die Erstellung eines Aktionsplanes unterfüttert, mit Maßnahmen hinterlegt und auf viele Schultern verteilt wird. Die Aktionspläne sind alle zwei Jahre zu überprüfen und fortzuschreiben. So wird die Umsetzung von Gleichstellung in Glinde messbar.

Zur Entwicklung dieses Aktionsplanes sollen Workshops stattfinden, wie das gehen kann, ist leider im Moment nicht absehbar. Im Augenblick bereite ich die Einsetzung einer Steuerungsgruppe durch den Hauptausschuss in der Märzsitzung vor, die wäre öffentlich, wenn sie stattfindet.

Sie haben den Eindruck, dass die alten Rollenbilder der Geschlechter durch Corona wieder stärker präsent sind, worunter besonders Frauen leiden müssen. Können Sie dies weiter ausführen und Beispiele nennen?

Wenn ich eine Familie habe, in der das klassische Modell gelebt wird – also die Frau arbeitet einen halben Tag und der Mann arbeitet einen ganzen Tag – dann bringt er den Großteil des Erwerbseinkommens rein. Dann haben wir noch die Corona-Pandemie, und die Kinder müssen zuhause Unterricht haben. Die Mütter müssen diese ganze Sorgearbeit machen und der Mann hat vielleicht noch die Möglichkeit, ein paar Stunden drauf zu legen. Was passiert dann? Die Frau ist zu Hause und verliert vielleicht ihren Job. Das hat zwei Implikationen. Die eine ist, die Frauen kommen aus der Nummer ganz schwer heraus und die andere ist, die Väter haben überhaupt keine Chance, die Sorgearbeit in der Familie gleichberechtigt zu übernehmen. Und das ist echt bitter.

Für Gleichstellung in Glinde setzt sich Kerstin Schoneboom ein. Hier ist sie in der Marie-Juchacz-Allee zu sehen.
Kerstin Schoneboom in der Marie-Juchacz-Allee.

Hätten wir aber eine Gesellschaft, in der die Strukturen so wären, dass wir davon ausgehen, jede Person erwirtschaftet ihr eigenes Einkommen, es gäbe keine Mitversicherungen in der Krankenkasse, keine Minijobs und eine auskömmliche und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung, dann wäre das eine andere Situation und dann würden sich Dinge vielleicht auch anders entfalten.

Wie sehen Sie die Situation der gendergerechten Sprache an den Schulen, was z.B. die Lernmaterialien zurzeit betrifft, und was würden Sie gerne ändern?

Mit den Lernmaterialien und der Verwendung geschlechtersensibler Sprache an den Schulen kenne ich mich nicht aus, befürchte jedoch, dass hier sehr konservativ dem generischen Maskulinum gefrönt wird, da der Philologenverband, in dem viele Lehrkräfte organisiert sind, den Untergang der deutschen Sprache beklagt, wenn das generische Maskulinum außer Kraft gesetzt wird, wir also geschlechtergerecht sprechen, schreiben etc.

Aus meiner Sicht ist unsere Sprache jedoch sehr im Wandel und die Entwicklung hin zu geschlechtersensibler Alltagssprache in vollem Gange und nicht mehr aufzuhalten. Ich finde auch, dadurch, dass das Thema in vielen Punkten so abgewehrt wird, kommt man gar nicht zu guten Lösungen. Ich habe gerade an einer Online-Weiterbildung teilgenommen und die haben geschlechtergerecht formuliert. Da konnte man genau merken, wer Lust hat, geschlechtergerecht zu formulieren. Das war nämlich lesbar. Man konnte aber auch merken, wer Abwehr hatte. Das war absolut nicht lesbar.

Insofern fände ich es wirklich gut, wenn es eine Normierung gäbe, dass es verpflichtend ist, dann würden nämlich auch die Leute, die das nicht wollen, sich irgendwann einer Sprache befleißigen, die für alle verständlich ist. Das wünsche ich mir. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass diese Kugel so am Rollen ist, dass sie nicht mehr aufzuhalten ist. Das ist echt ein Fortschritt. (siehe Beitrag Online-Duden)

Was machen Sie als Gleichstellungsbeauftragte, und welche Ihrer Tätigkeiten könnten für die Schüler:innen aus Glinde interessant sein?

Ich verstehe meine Aufgabe so, dass es darum geht, den Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetztes durchzusetzen und Geschlechtergerechtigkeit insbesondere strukturell herzustellen.

Beispielsweise gibt es jetzt das Gertrud Kille Sport Forum. Das ist aus einer 8. März-Aktion durch das Frauenforum entstanden. Wir haben vor zwei Jahren hier symbolisch Straßen umbenannt, nachdem ich festgestellt hatte, dass von 22 personenbezogenen Straßennamen 21 die Namen von Männern trugen, und das macht ja etwas mit uns. Wenn wir jeden Tag die Herbert Rübner, Willy Brandt oder Klaus Töpfer Straße, und wie die ganzen Straßen heißen, sehen, dann ist es für uns normal, dass Männer wichtig genug sind, dass Straßen nach ihnen benannt werden. Das passiert, ohne dass wir uns dessen bewusst sind und es sickert immer in uns ein. Wir nehmen wahr, Straßen werden nach Männern benannt. Und das war dann ein großes Anliegen, zu gucken, dass wir das ändern.

Der neue Schriftzug des Sportforums.

Das Erstaunliche ist gewesen, wie begeistert die Politik sich dazu verhalten hat. Ich hatte gar nicht mit so viel Zustimmung gerechnet, aber die Politiker:innen haben sofort zwei Vorschläge gemacht und einen Grundsatzbeschluss gefasst, der sagt, dass jetzt alle Gebäude, öffentlichen Einrichtungen, Straßen, Wege und Plätze nach Frauen benannt werden müssen, bis wir ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis haben.

Das ist meine Arbeit. Ich arbeite in diese Struktur hinein. Dieser Beschluss hat jetzt Bestand. Ich werde nicht mehr gebraucht, um ihn umzusetzen. Den gibt es, der muss jetzt hervorgeholt werden, wenn es um die Benennung von etwas geht und damit ist es verstetigt.

Ich habe das StoP-Projekt (Stadt ohne Partnergewalt) nach Glinde geholt. Ich denke, das ist ein Thema, was für Schülerinnen und Schüler durchaus interessant sein kann. Wie gestalte ich meine Partnerschaften? So etwas lernt man ja nirgends. Man hat entweder Leute, die einem das in der Familie oder im Freundeskreis vorleben, oder auch nicht.

Motto 2021: «Rise! Resist! Unite!» 

Da bietet StoP eine ganze Menge. Frau Eckert wird auch an verschiedene Schulen gehen mit einem Projekt für Schüler:innen, um mit denen das durchzuspielen. Da gibt es ein Planspiel zu, das vermutlich an der ein oder anderen Schule hier auch angeboten werden kann. Das ist etwas, denke ich, das Schüler:innen ganz doll interessieren könnte.

Ich mache regelmäßig Veranstaltungen zum 8. März, zum 25. November und früher auch zu One Billion Rising.Das ist eine weltweite Aktion gewesen von einer Künstlerin, die am Valentinstag One Billion Rising hat entstehen lassen. Da geht es darum, dass sich alle Menschen verbinden in einer liebevollen und freundlichen Art und Weise. Der Blick ist also nicht auf die Gewalt, die zwischen Partnern stattfindet, gerichtet und auch nicht darauf, dass am 14. Februar Blumen oder Pralinen verschenkt werden, sondern darauf, dass wir feiern, dass wir freundlich miteinander sind, dass wir gut zueinander sind und dass wir uns respektvoll miteinander verhalten.

In der Stadt, und das könnte auch für Schülerinnen interessant sein, haben wir hier das Frauenforum und wir freuen uns sehr auch über junge Frauen, die da mitarbeiten.
Das Frauenforum Glinde wirkt in Glinde in die Kommunalpolitik hinein. Wir würden uns insbesondere über die Beteiligung von Mädchen und jungen Frauen im Frauenforum sehr freuen. Interessierte mit Bezug zur Stadt sind uns herzlich willkommen und können den Kontakt über mich bekommen.

Das Frauenforum Glinde freut sich über mehr Beteiligung von Schülerinnen und jungen Frauen!

Dieses Frauenforum bereitet auch auf kommunalpolitische Aufgaben vor und das wäre etwas, wo ich mir auch wünschen würde, Schülerinnen zu erreichen. Dass sie sich am Gemeinwesen beteiligen und dass sie wirklich auch Ämter, zum Beispiel im Jugendbeirat, wahrnehmen, weil das die Orte sind, wo man direkt Einfluss nehmen kann vor seiner Wohnungstür. Wir gucken uns die Sachen an, die hier in der Stadt laufen unter gleichstellungspolitischen Gesichtspunkten. Wir sind sozusagen die frauenpolitische Basisgruppe hier.

Ich habe sehr viel Zeit und Arbeit investiert in eine kreisweite Studie.

Da war ich in einer Lenkungsgruppe, und es ging um Mobilität unter Geschlechtergesichtspunkten. Das ist sicher auch ein Thema für Schüler:innen, weil die Nahverkehrsverhältnisse im Kreisgebiet sehr unterschiedlich sind. Wir sind hier noch verhältnismäßig gut versorgt, aber einige Stadtteile auch schon nicht mehr. Wir haben uns angeguckt, was bedeutet Mobilitätsgerechtigkeit eigentlich und was muss geschehen, damit Mobilitätsgerechtigkeit hergestellt werden kann. Gleichzeitig ist es auch ein Thema, das den Klimaschutz berührt und damit bestimmt für junge Leute auch interessant ist. Wir sind jetzt ganz am Anfang, dass wir gucken, wie kann geschlechtersensible Erziehung in den Bildungseinrichtungen stattfinden, und da geht es darum, Kinder frei von diesen Geschlechtsrollenkonserven aufwachsen zu lassen und wirklich offen zu sein und einen Blick dafür zu haben, was sind die Kinder eigentlich unabhängig davon, dass nach Geschlecht sortiert wurde. Im Augenblick ist ja das erste, was passiert, dass Menschen als Mädchen (auch so ein schrecklicher Begriff: geschlechtsneutraler Artikel und Diminutivsuffix) oder Junge oder als Mann oder Frau eingeordnet werden und dann werden ihnen Verhaltensweisen, Charaktereigenschaften, Fähigkeiten und Schwächen zugeordnet. Wir gucken durch diese Geschlechterlupe auf Geschlechtsrollenkonserven. Für mich wäre Freiheit, wenn wir das nicht mehr täten, sondern wenn wir uns stattdessen wirklich angucken, welcher Mensch steht hier vor mir, unabhängig davon, welches Geschlecht ihm zugewiesen wird.

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Ich arbeite eher an Strukturen, also weniger in Projekten. Ich versuche aber, andere Leute, die sowieso mit Menschen arbeiten, zu motivieren, dass sie diese auch geschlechtergerecht betreiben. Und das gelingt zunehmend besser, finde ich.

Gibt es zurzeit Projekte für Frauen in Glinde und wenn ja, welche?

Es gibt die städtische Kinder- und Jugendarbeit. Da bin ich gar nicht so beteiligt, aber die arbeiten mit geschlechtsbezogener Pädagogik. Das heißt, sie haben Mädchenprojekte, Jungendprojekte und sind offen für queere Thematiken. Bei ihnen ist das Thema absolut angekommen. Das sind Angebote für junge Leute.

Dann haben wir Kooperationen und verschiedene Einrichtungen, in denen ich mich mehr oder weniger beteilige, wobei ich immer denke, das spricht vielleicht auch eher Erwachsene an. Trotzdem würde ich mich über mehr junge Frauen freuen. Wir haben das Welcome Café für Geflüchtete, migrantische und für deutsche Glinderinnen, wo sie alle miteinander ein Frühstück haben.

Wir haben verschiedene Angebote im Mini Club, die sich zwar an Familien richten, aber in der Regel von Frauen wahrgenommen werden. Ich hatte im Zuge von One Billion Rising mehrfach Selbstverteidigungskurse angeboten.

Bezieht sich Ihre Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte nur auf Frauen, oder auch auf z.B. Menschen außerhalb des binären Geschlechtssystems?

Glinder Jugendarbeit: offen für queere Thematiken.

Ich leiste die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten aus einer feministischen Perspektive. Das bedeutet, dass ich um das Zusammenwirken verschiedener Positionen sozialer Ungleichheit weiß. Formen der Unterdrückung und Benachteiligung lassen sich nicht additiv aneinanderreihen. Sie müssen in ihren Verschränkungen und Wechselwirkungen betrachtet werden.

Diskriminierung aufgrund des Geschlechts entgegenzuwirken, ist für mich eine grundsätzliche Aufgabe feministischen Handelns. Gleichzeitig ist unsere gesamte Gesellschaft binär strukturiert und deshalb ist der Auftrag, Gleichstellung zwischen Frauen und Männern zu fördern. Da ich überwiegend an der Veränderung von Strukturen arbeite, liegt hier mein Fokus.

Queere Menschen sind ja auch aufgrund dessen benachteiligt, weil wir ein binäres Geschlechtssystem haben. Uns hilft es überhaupt nicht, wenn man es politisch begreift und eine politisch motivierte Arbeit an Strukturen macht, zu sagen, wir vermengen bunt alle Diskriminierungsverhältnisse. Ich befürchte, dass wir dann aus dem Blick verlieren, was hier an Strukturen vorhanden ist. Das möchte ich auf keinen Fall.

Gibt es sonst noch etwas, das sie sagen wollen, was für Schüler:innen interessant wäre?

Ich finde, dass ihr ganz doll bei der Berufswahl aufpassen müsst. Unser binär strukturiertes Gesellschaftssystem beinhaltet nämlich auch ein binäres Berufssystem, das klassische Frauenberufe ziemlich benachteiligt, in Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsumfang.

Und ich möchte alle jungen Frauen und auch junge Männer bitten, guckt euch an, was ist wirklich das, was euch lockt. Versucht mal den Fokus zu erweitern und guckt nach dem, was ihr wirklich wollt, was euch Spaß macht, wofür ihr brennt. Und das ist ganz oft, wenn wir mit Menschen reden, weit weg von dem, was sie beruflich machen. Augen auf bei der Berufswahl! Und rechnen! Gleich mal anfangen zu rechnen. Gehaltsrechner gibt es im Internet. Da kann man gucken, was man so kriegen kann, wie die Arbeitsverhältnisse sind, und ob es Tarifverträge gibt. Das ist wahrscheinlich am Gymnasium nicht so das größere Problem, weil die meisten Gymnasiast:innen studieren gehen werden und sowieso in einem Gehaltssegment landen, wo es ein bisschen besser geht, trotzdem würde ich das genau im Blick behalten. Ich würde mich auch nicht beeindrucken lassen von Vorurteilen wie Frauen und Technik oder dergleichen.

Interview: Katharina Blonsky

Fragen oder Interesse an der Mitarbeit bei den genannten Projekten? Sende eine E-Mail an: kerstin.schoneboom@glinde.de