Ein Projekt des Profilseminars „Lernen durch Engagement: Europabildung“ am Gymnasium Glinde
Was bedeutet es, seine Heimat zu verlassen und in einem fremden Land neu anzufangen? Mit dieser zentralen Frage hat
sich unsere Projektgruppe innerhalb des Profilseminars im Projekt „Integration in Glinde“ intensiv auseinandergesetzt.
Was ist das Profilseminar „Lernen durch Engagement“? Das Profilseminar in der Qualifikationsphase der Oberstufe dient der Erkundung interdisziplinärer Themen und ihrer Vertiefung durch eigene Projekte. Der Ansatz „Lernen durch Engagement“ (LdE) verbindet fachliches Lernen mit gesellschaftlichem Engagement: Erarbeitetes Wissen wird direkt in einem echten Projekt umgesetzt, das einen Beitrag für die
Gemeinschaft leistet.
Im Fokus unseres Seminars steht zudem die Europabildung: Das Verständnis für kulturelle Vielfalt, demokratische Werte und Menschenrechte in Europa.
Unser Projekt: Begegnungen auf Augenhöhe. Unter dem Motto „Integration in Glinde“ haben wir Interviews mit Geflüchteten geführt, die in unserer Gemeinde leben. Ziel war es, persönliche Geschichten sichtbar zu machen, Vorurteile abzubauen und Verständnis für die Situation von Menschen zu schaffen, die nach Glinde gekommen sind.
Drei bewegende Lebensgeschichten
Shayan kam vor drei Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Der 29-Jährige besitzt einen Bachelor in Fachinformatik und
einen Master als Bauingenieur, dennoch musste er hier ganz unten anfangen: „Ich habe über 200 Bewerbungen verschickt
und nur einer hat geantwortet.“ Aktuell macht er eine Ausbildung zum Zahntechniker. Besonders die langwierige Bürokratie
belastet ihn: „Man darf nicht einfach eine Arbeit finden, wir müssen zwei Monate auf eine Arbeitserlaubnis warten.“ Trotz aller
Hürden schätzt er die Meinungsfreiheit und die Rechte für Frauen in Deutschland: „In meinem Land muss eine Frau ab 18 ein
Kopftuch tragen, ihre Freiheit wird eingeschränkt.“
Olena floh mit ihren beiden Söhnen (damals 11 Monate und 5 Jahre) aus der Ukraine. Die Wirtschaftsingenieurin erlebte
anderthalb Jahre lang den Krieg aus einem Keller heraus. In Deutschland ist sie dankbar für die Sicherheit: „Als ich in Polen
normale Flugzeuge am Himmel sah, habe ich geweint – in der Ukraine sind Flugzeuge immer das Militär.“ Die größte Hürde
ist für sie die Sprache: „Ingenieur mit B1-Niveau ist unmöglich.“ Doch sie betont: „Deutschland gibt uns viele Möglichkeiten.
Ich möchte etwas zurückgeben, durch Arbeit und Steuern.“
Jemal, 64, lebte zunächst 30 Jahre in Georgien, dann 30 Jahre in der Ukraine, beide Male vertrieb ihn der Krieg. Der
Mathematiklehrer und Elektriker engagiert sich heute ehrenamtlich bei der Tafel. Sein größtes Problem ist die fehlende Arbeit:
„Ich habe viele Menschen angeschrieben. Wenn sie lesen, dass ich 64 bin und nicht gut Deutsch spreche, bekomme ich
keine Antwort.“ Positiv hebt er hervor: „In Deutschland gibt es keine Korruption. Die Bürokratie ist für mich kein Problem – im
Vergleich zur Ukraine ist das hier viel besser.“
Was wir gelernt haben
Die Interviews zeigen ein ambivalentes Bild: Alle drei berichten von großen bürokratischen Hürden, Sprachschwierigkeiten
und einem langwierigen Kampf um Arbeitserlaubnisse. Shayan bringt es auf den Punkt: „In Deutschland dauert alles sehr,
sehr lange.“
Doch ebenso deutlich wird die Dankbarkeit für Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und ein funktionierendes Sozialsystem.
Olena sagt: „Die Bürokratie funktioniert. In der Ukraine ist alles korrupt – hier gibt es immer Wege, seine Probleme zu lösen.“
Wir hoffen, mit diesem Projekt einen Beitrag zu mehr Verständnis und Toleranz in Glinde leisten zu können. Denn eines hat
uns die Arbeit besonders gelehrt: Hinter jeder Statistik steht ein Mensch mit einer einzigartigen Geschichte.
Die vollständigen Interviews finden sich hier:

Interview mit Olena
A: Wie heißen Sie?
O: Olena
M: Und wie alt sind Sie?
O: Ich bin 41 Jahre alt.
M: Haben Sie eine Familie?
O: Ich bin Mutter von zwei Kindern. Sie heißen Damien und Platon.
A: Wie alt sind Ihre Söhne?
O: 11 Monate und 5 Jahre.
A: Wann sind Sie nach Deutschland gekommen?
O: Im Sommer 2023.
A: Erst seit zwei Jahren? Sie sprechen aber schon sehr gut Deutsch.
O: Eigentlich nicht. Mein Sohn geht in die Kita und spricht dort Deutsch. Nächstes Jahr kommt er in die Schule und mein anderer Sohn kommt im Januar in die Kita.
A: In Glinde?
O: Ja.
M: Was machen Sie beruflich?
O: Ich bin Wirtschaftsingenieurin, aber das ist wirklich schwer, weil ich bisher nur Deutsch auf B1-Niveau spreche. Wenn ich weiterlernen will, muss ich mir zuerst einen Job suchen, und danach kann ich mein Deutsch weiter verbessern. Ich weiß, dass es als Ingenieurin mit B1 unmöglich ist, wirklich ganz unmöglich. Aber ich werde andere Möglichkeiten suchen, zum Beispiel Weiterbildungen. Ich weiß es noch nicht genau.
A: Sie kommen ja aus der Ukraine und sprechen Ukrainisch. Welche Sprachen sprechen Sie noch?
O: Ukrainisch, jetzt ein bisschen Deutsch, Englisch und Russisch. Russisch kann ich sprechen und verstehen, aber vielleicht habe ich es aufgrund des Krieges etwas verlernt. Früher war das ganz normal. Viele ukrainische Leute sprechen Russisch, aber jetzt nicht mehr.
M: Ihr Sohn auch?
O: Platon spricht nur Ukrainisch. Er versteht auch Russisch, weil eine Erzieherin in der Kita Russisch spricht und davon ausgegangen wird, dass Russisch und Ukrainisch gleich sind. Er lernt also Russisch und Deutsch. Er versteht Russisch gut, und viele meiner Freunde sprechen auch Russisch, aber ich will das nicht. Er muss erst einmal Ukrainisch lernen.
A: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie in Deutschland angekommen sind?
O: Glück, das war wirklich Glück. In der Ukraine habe ich anderthalb Jahre mit meinem älteren Sohn in einem Keller gelebt. Als wir an der Grenze angekommen sind, war alles anders. In Polen habe ich erst einmal geweint, weil ich Flugzeuge gesehen habe – normale Flugzeuge am Himmel. In der Ukraine sind Flugzeuge am Himmel immer Militär. Hier war alles ganz anders. Die Deutschen leben ganz anders, ein ganz anderes Leben. Alles muss gleichzeitig passieren: Ich muss lernen, mich um die Kinder kümmern, mich um alles kümmern. Wenn ich in einen Laden gehe und überlege, was ich kaufen möchte, zum Beispiel Brot, kommen die Deutschen mit Einkaufszetteln, weil alles pünktlich geregelt sein muss.
M: Ja, Deutschland ist sehr geregelt und strukturiert.
O: Die Tagesordnung ist für die Deutschen sehr wichtig. Für mich war das sehr anders als das, was ich kannte.
M: Die kulturellen Unterschiede?
O: Ja, die ganze Kultur und auch die Distanz zwischen den Menschen, zum Beispiel beim Augenkontakt. In der Ukraine ist es ganz normal, sich in die Augen zu schauen. Aber wenn ich hier im Bus jemandem in die Augen schaue, sind es entweder Ukrainer oder Russen – die Deutschen schauen immer weg. In der Ukraine kann man mit den Augen alles besprechen. Ich kann mich mit einer Freundin nur durch Augenkontakt verstehen. Das ist eine ganz andere Kultur, und das war am Anfang sehr interessant.
M: Was war überraschend oder unerwartet, als Sie hier angekommen sind? Fällt Ihnen noch etwas ein außer dem fehlenden Augenkontakt?
O: Pfandflaschen und die Mülltrennung. Wir haben nie nach so strengen Regeln gelebt wie in Deutschland. In der Ukraine konnten meine Nachbarn bis zwei Uhr nachts laut sein und feiern – das war ganz normal. Aber hier müssen alle um acht Uhr zu Hause sein. Es ist alles dunkel und man sieht niemanden. Auch in kleinen Städten ist es in der Ukraine normal, nach acht Uhr noch laut zu sein. Wenn ich dort mit meinen Hunden spazieren gegangen bin, habe ich viele Menschen getroffen und mich unterhalten. Hier trifft man nach acht Uhr niemanden mehr.
A: Wie schade, schon ein Nachteil an Deutschland.
O: Ich denke nicht, dass das ein Nachteil ist. Es ist zwar anders, aber kein Nachteil. Es ist weder ein Vorteil noch ein Nachteil – es ist einfach anders.
M: Was waren die größten Hürden, als Sie nach Deutschland gekommen sind?
O: Sprechen. Sprache, Sprache und noch einmal Sprache. Als ich ankam, habe ich zuerst Englisch gesprochen, und viele Deutsche sprechen auch Englisch. Aber nachdem ich angefangen habe, Deutsch zu lernen, habe ich nach anderthalb Jahren etwas Englisch verlernt. Deutsche Wörter kann ich mir leichter merken als englische. Trotzdem fällt mir das Sprechen noch schwer. Ich lerne jeden Tag Deutsch, aber oft verstehe ich vieles nicht. Diese Sprachprobleme waren wirklich schwierig. Wenn man irgendwo hingeht und nichts versteht und nicht antworten kann, sondern nur „ja“ sagt und lächelt, ist das sehr anstrengend. Aber man muss ja irgendwohin, zum Beispiel mit den Kindern zum Arzt. Wenn man nicht versteht, was der Arzt sagt oder was man selbst sagen muss, ist das schwierig. Am Anfang habe ich Englisch gesprochen, aber jetzt ist das auch schwierig.
M: Ja, und vor allem für Menschen, die auch kein Englisch sprechen, ist es noch schwieriger.
O: Ja, total.
A: Wie gestalten Sie Ihren Alltag?
O: Zuerst bringe ich meinen älteren Sohn in die Kita. Dann gehe ich mit dem Baby zu Fuß nach Hause und koche etwas, wenn ich es schaffe, weil der Kleine es manchmal nicht zulässt. Dann putze ich. Nachdem Damian geschlafen hat, holen wir Platon von der Kita ab. Wenn zwischen 9 und 12 Uhr jemand meine Hilfe braucht, helfe ich manchmal, zum Beispiel begleite ich eine Frau zum Arzt. Dann bringe ich Platon Lesen und Schreiben bei. Das Lesen von deutschen Kinderbüchern hilft auch mir. Platon versteht die Bücher gut, und ich übe so. Ich weiß, dass das nicht perfekt ist, weil ich nicht immer weiß, wie man Wörter ausspricht. Dann sagt mein Sohn: „Mama, du sagst das falsch.“ Danach gehen beide um acht Uhr schlafen, und dann lernt Mama.
M: Was lernen Sie? Deutsch?
O: Ich lerne auch weiter für meinen Beruf. Ich muss lernen, denn in der Ukraine sind die Dinge nicht so teuer, aber hier in Deutschland sind sie teurer. Ich mache einen Kurs und lerne dort viel. Ich glaube, dass mir das für meinen Beruf helfen wird.
M: Ist der Kurs online?
O: Ja, der Kurs ist online und ich mache ihn von zu Hause aus. Ich mache auch Hausaufgaben am Laptop. Wenn man etwas wirklich will, schafft man das auch. Es gibt so viele Möglichkeiten zu lernen. Am Ende des Tages bin ich total müde, und am Wochenende bin ich völlig erschöpft.
M: Gibt es etwas, das Ihnen hier in Deutschland Freude bereitet?
O: Es gibt viele deutsche Menschen, die sehr nett sind. Das ist wirklich schön. Die Menschen hier sind freundlich und fragen immer, ob man Hilfe braucht. Außerdem ist hier alles sehr sauber – die Wasser- und Luftqualität sind gut. Es gibt gute Systeme für Sauberkeit. Vor dem Krieg war ich in vielen europäischen Ländern, und einige waren sehr dreckig, zum Beispiel Paris. Es war wirklich unangenehm, auch wegen Kakerlaken. Hier sind die Städte sauber.
Auch Tierheime sind hier ganz anders als in der Ukraine. Dort ist es oft schmutzig, die Tiere werden schlecht versorgt, und es gibt viele streunende Tiere. Durch den Krieg mussten viele Menschen ihre Tiere zurücklassen. Viele Menschen haben in der Ukraine kein Zuhause mehr, und wenn die Menschen kein Zuhause mehr haben, haben die Tiere auch keins.
Ich habe auch in den Nachrichten gelesen, dass es hier Probleme mit den Tierheimen gibt, zum Beispiel wegen der Finanzierung, aber insgesamt ist es ganz anders als in der Ukraine.
Ich weiß auch nicht, ob die jungen deutschen Menschen uns hier haben wollen, aber die älteren Menschen wissen, wie es in der Sowjetunion war und wie sie organisiert war, vor allem im Teil Deutschlands, der früher die DDR war. Die älteren Menschen verstehen das. Sie verstehen, dass ich nicht Russin sein will. Ich will kein Teil dieses Imperialismus sein. Ich habe mein Leben gelebt und hatte ein wirklich schönes Leben. Ich habe als Wirtschaftsingenieurin gearbeitet und habe ein Kind. Ich hatte alles, was ich wollte, und dann kam der Krieg.
M: Was fällt Ihnen hier noch schwer? Beispielsweise die viele Bürokratie?
O: Das funktioniert. Ich muss zwar sehr viele Papiere haben, und viele Ukrainer sagen, es gäbe hier schlechte Mediziner, aber ich sehe das anders. Ich habe bisher keine schlechten Mediziner erlebt. Es wird sich hier um einen gekümmert, und man wird wieder gesund.
In der Ukraine ist es zum Beispiel normal zu sagen: „Ich habe Kopfschmerzen, ich brauche einen Krankenwagen“, und dann kommt einer. Hier sagt man, dass das kein Grund ist, einen Krankenwagen zu rufen, und man muss eine Strafe zahlen. Ich bin das einfach anders gewohnt.
Die Bürokratie dauert zwar lange, aber sie funktioniert. Wenn ich einen Termin mache, dauert es vielleicht lange, bis ich ihn bekomme, aber wenn der Termin da ist, kann ich mich darauf verlassen. In der Ukraine ist das anders, weil vieles nicht zuverlässig ist und es viel Korruption gibt. Die Bürokratie hier verhindert diese Korruption.
Im Moment habe ich Probleme mit meiner Wohnung, weil wir in einer sehr kleinen Wohnung leben. Aber ich glaube, dass dieses Problem nicht nur Ukrainer betrifft, sondern auch Deutsche.
Auch die Arbeitssuche ist schwierig. Ich möchte arbeiten, aber mit zwei Kindern ist das noch schwerer. Mir gefällt es hier, und für meine Kinder ist es hier gut. Ich möchte alles tun, um hier bleiben zu können.
Damian kommt bald in die Kita, und ich suche eine Arbeit. Deutschland gibt uns viele Möglichkeiten. Ich bin mit wenig hierhergekommen, nur mit meinem kleinen Sohn, aber jetzt haben wir eine Wohnung. Ich möchte etwas zurückgeben und mich bei Deutschland bedanken, zum Beispiel durch Arbeit und Steuern.
Ich möchte mich für mein gutes Leben hier bedanken. Ich hoffe, ich kann hierbleiben, denn Platon kommt bald in die Schule. Ich möchte auch, dass er Ukrainisch lernt.
Meine Kinder sind Jungen, und wenn der Krieg nicht aufhört, müssen sie später vielleicht in die Armee. Ich will das nicht. Ich bin eine Mutter von zwei Söhnen, ich will das nicht.
Ich weiß, dass diese Zukunft viele Kinder in der Ukraine erwartet, und ich will das nicht für meine Söhne. In meiner Heimatstadt gibt es jede Woche Nachrichten darüber, dass jemand gestorben ist. Auch viele meiner ehemaligen Klassenkameraden sind gestorben.
Ich möchte das einfach nicht für meine Kinder. Ich möchte hierbleiben und mich für alles bedanken.
M: Ja, das war es auch schon, danke.

Interview mit Shayan
A: Wie alt bist du?
S: 29 Jahre
M: Wie heißt du?
S: Shayan
M: Wo kommst du her?
S: Ich komme aus dem Iran und habe dort in einer kleinen Stadt in der Nähe von Teheran gelebt.
M: Seit wann bist du in Deutschland?
S: Seit dem 27. Januar 2023.
M: Und wann bist du nach Glinde gekommen?
S: Zuerst lebte ich ein Jahr in einem Flüchtlingscamp und kam danach nach Glinde. Jetzt lebe ich hier schon seit zwei Jahren.
M: Was machst du beruflich?
S: Zuerst habe ich einen Bachelor in Fachinformatik absolviert und danach einen Master im Bauingenieurwesen gemacht. Vor einem Monat habe ich eine Ausbildung zum Zahntechniker in Hamburg angefangen, wo ich jetzt jeden Tag ins Labor fahre.
M: Fährst du mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt?
S: Ja, mit Bus und Bahn.
M: Welche Sprachen sprichst du?
S: Ich spreche Persisch (Farsi), Englisch und Deutsch.
A: Was war dein erster Gedanke, als du in Deutschland angekommen bist?
S: Ich habe zuerst an die vielen Möglichkeiten gedacht, mich weiterzuentwickeln. Außerdem habe ich an die Meinungsfreiheit und an die besseren Rechte für Frauen gedacht.
A: Sind diese Rechte und Möglichkeiten etwas Gutes für dich?
S: Das kommt darauf an, wie man sie nutzt, denn manche Menschen nutzen diese Rechte aus. Ich finde es sehr gut, dass Frauen hier die gleichen Rechte haben wie Männer. Trotzdem bin ich mir sicher, dass auch in Deutschland Frauen teilweise noch benachteiligt sind. Allerdings sind Polizei und Gerichte hier deutlich besser darin, Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen. In meinem Land ist es so, dass Frauen ab dem 9. Lebensjahr ein Kopftuch tragen müssen und ihre Freiheit stark eingeschränkt wird.
A: Was hättest du dir in Deutschland anders vorgestellt?
S: In Deutschland dauert alles sehr lange. Ich bin jetzt seit fast drei Jahren hier, hatte aber nur ein Jahr Zeit, die deutsche Sprache zu lernen. Der Kurs von A1 bis B1 dauert etwa sechs Monate und bis B2 noch einmal vier bis fünf Monate. In dieser Zeit konnte ich nicht arbeiten. Wenn man dann Arbeit findet, bekommt man oft nur sehr wenig Lohn, zum Beispiel etwa 10 Euro, und manche Arbeitgeber wollen Schwarzarbeit.
M: Du musstest also wieder von ganz unten anfangen, obwohl du schon so viel erreicht hast?
S: Ja. Ich habe mich bei sehr vielen Unternehmen beworben – über 200 Bewerbungen – und nur eine Antwort erhalten. Dadurch habe ich ein Praktikum bei der Kirchenkreisorganisation in Steindamm als Fachinformatiker im Bereich Systemintegration bekommen. Sie haben gesagt, ich sei schon weiter als viele andere, aber das hat mir nicht geholfen, eine feste Stelle zu bekommen. Deshalb habe ich in einem ganz anderen Bereich angefangen.
M: Ist die Bürokratie also ein großes Problem in Deutschland?
S: Ja.
M: Was waren die größten Probleme in den ersten Wochen?
S: Die Bürokratie. Ich wollte arbeiten, aber selbst als ich Arbeit hatte, musste ich weiterhin Geld vom Sozialamt beziehen. Das hat mich sehr belastet. Außerdem mussten wir oft zwei Monate auf eine Arbeitserlaubnis warten. Die größten Probleme sind die Bürokratie und der Zeitaufwand. Ich bin jeden Tag lange unterwegs und habe danach kaum Zeit für etwas anderes.
M: Wie war es mit der Sprache? Hattest du Probleme?
S: Ja, das war sehr anstrengend. Viele Menschen waren sprachlich viel weiter als ich. Deshalb habe ich täglich mehrere Deutschkurse besucht und insgesamt über zehn Stunden am Tag gelernt. Das war sehr schwierig für mich.
M: Haben dir die Menschen vor Ort geholfen?
S: Am Anfang kaum. Ich musste vieles alleine machen, zum Beispiel mein Bankkonto eröffnen. Deshalb helfe ich heute selbst anderen Flüchtlingen, besonders wenn sie Persisch sprechen.
M: Wie sieht dein Alltag aus?
S: Ich arbeite von Montag bis Freitag im Labor. Trotz aller Probleme habe ich einen Abschiebebescheid bekommen. Erst durch meine Ausbildung konnte ich meinen Aufenthalt sichern.
M: Gibt es trotz allem auch positive Erfahrungen?
S: Ja. Viele Menschen helfen direkt, wenn man sie fragt, und sind ehrlich. Außerdem kann man hier mit wenig Geld leben, wenn man sparsam ist.
M: Was fällt dir aktuell schwer?
S: Eigentlich nichts Konkretes. Man darf nicht nur negativ denken. Deutschland hat viele Vorteile, zum Beispiel das Gesundheitssystem und die Unterstützung im Alter.
M: Möchtest du noch etwas sagen?
S: Meine Familie lebt im Iran, ich bin hier ganz allein. Das ist manchmal schwer. Man muss vorsichtig sein, wem man vertraut.
S: Ich möchte noch einen Rat geben: Viele Menschen wollen schnell arbeiten, dürfen es aber nicht. Im Flüchtlingsheim hatte ich ein Jahr Zeit, Deutsch zu lernen, aber kaum Möglichkeiten. Wir bekamen nur 160 Euro im Monat und durften nur sehr eingeschränkt arbeiten.
M: Vielen Dank.

Interview mit Jemal
M: Wie heißen Sie?
J: Jemal.
M: Wie alt sind Sie?
J: Ich bin 64 Jahre alt.
A: Aus welchem Land kommen Sie?
J: Ich habe in der Ukraine gelebt, stamme aber ursprünglich aus Georgien. Ich habe 30 Jahre in Georgien gelebt, bis dort der Krieg ausgebrochen ist. Dann bin ich in die Ukraine gegangen und habe dort 30 Jahre gelebt, bis auch dort der Krieg ausbrach. Danach kam ich zusammen mit meiner Frau nach Deutschland.
(Einwurf: Russen haben den östlichen Teil Georgiens besetzt.)
A: Seit wann sind Sie in Deutschland?
J: Seit 3 Jahren und 4 Monaten lebe ich in Glinde.
A: Sind Sie direkt nach Glinde gekommen?
J: Nein, als ich aus der Ukraine geflohen bin, war ich zuerst einen Monat in Wien. Meine Frau ist Ukrainerin und ich bin Georgier. Österreich nahm nur Menschen mit ukrainischem Pass auf, deshalb sind meine Frau und ich nach Deutschland gekommen. Hier haben sie auch mich als Georgier aufgenommen.
M: Was machen Sie beruflich?
J: Ich bin Mathematiklehrer. Als ich in Georgien lebte, habe ich dort 10 Jahre an einer Schule gearbeitet. In der Ukraine habe ich 30 Jahre auf dem Bau als Elektriker gearbeitet. Dort konnte ich nicht wieder als Mathematiklehrer arbeiten, weil ich nur ein bisschen Ukrainisch gesprochen habe. Meine Muttersprache ist Georgisch. Ich spreche auch ein bisschen Russisch und Ukrainisch, und jetzt lerne ich Deutsch.
M: Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie nach Deutschland kamen?
J: Ich kannte die deutsche Geschichte, zum Beispiel Bismarck und andere Themen. Ich habe viel darüber gelesen und kenne mich gut damit aus. Ich lebe hier jetzt seit 4 Jahren und habe keine Probleme.
M: Gab es in Deutschland etwas Unerwartetes, das anders ist als in der Ukraine oder in Georgien?
J: Ich bin viel gereist – in die Türkei, nach Aserbaidschan, Moldawien und in die Ukraine. Ich bin wirklich viel gereist. Auch als ich in Georgien gelebt habe, waren viele Deutsche als Touristen dort. Als ich jung war, kamen viele Deutsche nach Georgien und sprachen Russisch, weil Deutschland damals in Ost und West geteilt war und die Deutschen aus dem Osten gut Russisch sprechen konnten. Viele Menschen aus der DDR haben Georgien besucht.
A: Was waren die größten Hürden, als Sie neu in Deutschland waren?
J: Für mich gab es in Deutschland keine Probleme, alles war normal. Ein Problem ist vielleicht, dass ich kein Deutsch verstehe, aber andere Probleme gibt es nicht.
A: Wie gestaltet sich Ihr Leben hier in Deutschland jetzt?
J: Ich habe einen Deutschkurs sowie einen Integrationskurs gemacht und auch schon zwei Prüfungen abgelegt. Das war B1, aber ich habe leider nicht bestanden. Das Leben hier in Deutschland ist eine Prüfung. Jeden Tag gehe ich spazieren und lese viel über Geschichte, Politik und Geografie – das sind meine Hobbys. Außerdem helfe ich jeden Donnerstag bei der Tafel. Es kommen viele Leute, und ich mache das ehrenamtlich. Ich fahre auch Fahrrad und kenne mich hier inzwischen gut aus – Glinde, Hamburg, Geesthacht, Trittau, ich kenne alles. Bekannte haben mich auch schon gefragt, ob ich ihnen im Garten helfen kann, aber eine feste Arbeit habe ich nicht. Ich helfe nur vielen Bekannten hier in der Umgebung bei praktischen Arbeiten.
M: Was bereitet Ihnen in Deutschland Freude?
J: Es ist ruhig hier, und wenn man sich an die Gesetze hält, kann man gut leben. Jeden Freitag spiele ich Badminton in der Schule. In der Sporthalle am Gymnasium Glinde spielt der TSV jeden Freitag. Dort wird auch Fußball gespielt.
M: Sie meinten, Ihnen fällt nichts schwer außer der Sprache – wirklich nichts Weiteres? Auch nicht die Bürokratie oder Ähnliches?
J: Nein, in Europa hat jedes Land ein bisschen Bürokratie. Aber hier in Deutschland gibt es keine Korruption, das ist sehr gut. Die Bürokratie ist für mich kein Problem, aber ich arbeite auch nicht und habe viel Zeit. In anderen Ländern, wie der Ukraine oder Russland, gibt es sowohl Bürokratie als auch Korruption, was nicht gut ist. Als ich nach Deutschland kam, hat es mit den Dokumenten etwas gedauert, aber dann war alles in Ordnung. In der Ukraine läuft das nicht so. Hier ist es besser. Auch die Polizei macht gute Arbeit. Ein Problem für mich ist jedoch, dass ich viele Menschen angeschrieben und nach Arbeit gefragt habe, aber nie eine Antwort bekommen habe. Die Menschen sehen, dass ich ein 64-jähriger Mann aus der Ukraine bin und nicht gut Deutsch spreche, und deshalb bekomme ich keine Arbeit. Das ist mein Problem. Aber sonst ist alles gut.
M: Wir sind fertig mit unseren Fragen. Möchten Sie noch etwas Anderes erzählen?
J: Ich habe vier Kinder. Meine jüngste Tochter ist 18, ein Sohn ist 21, der andere 28 und der älteste ist 37 Jahre alt. Sie leben alle in der Slowakei, nur der älteste lebt bis heute in der Ukraine. Meine Frau arbeitet hier in Glinde als Reinigungskraft auf Minijob-Basis.
A: Vielen Dank für das nette Gespräch.
Die Interviews wurde sprachlich angepasst
Johanna, Annie und Marlene – Profilseminar Q1 (LdE: Europabildung)